Text: Marc Keiterling
Fotos: Marc Keiterling, Manfred SchumacherOnline seit: 23. Dezember 2017

Wer in Internet-Suchmaschinen Begriffe „Vergaser Service“ oder „Vergaser Reparatur“ eingibt, dem spuckt der Rechner deutlich mehr als ein Dutzend in Deutschland ansässige Unternehmen aus, die sich der komplexen Technik annehmen. Alles im Griff?

Vieles sicher, alles keinesfalls. Komplex ist nicht nur der Aufbau der kleinen Gasfabriken, kompliziert machen es auch die schier unendlichen Varianten. Schwierigkeiten bereitet bei vielen Modellen außerdem die Ersatzteilsituation. Oder die daraus folgende Notwendigkeit, zum improvisieren, aber nicht zu wissen, wie. Schließlich: Wer kann sich schon jenes umfassende Wissen über die seit den 90-er Jahren im Automobilbau ausrangierten Teile raufschaffen, wie es alte Vergaser-Experten besitzen? Da verzweifelt nicht nur manch spezialisierter Betrieb, sondern auch viele Oldtimerbesitzer, die ihren Verdruss über einen stockenden, maßlos saufenden oder zäh beschleunigenden Wagen in verschiedenen Foren und Gesprächen zum Ausdruck bringen. Einem korrekten Ventilspiel, einem intakten Verteiler, dem richtigen Zündzeitpunkt und frischen Zündkerzen zum Trotz. Verzweiflung über den Vergaser

„Ich kenne jeden Vergaser-Typ“

„Ich kenne jeden Vergaser-Typ, der jemals in Deutschland produziert wurde, in- und auswendig. Wir sprechen hier über rund 1.700 verschiedene Typen.“ Sagt Manfred Schumacher aus Oberhausen.

Sieht gut aus, funktioniert wieder perfekt: Der Solex-Vergaser eines 90 PS V6 unter der Haube eines Capri II.

Sieht gut aus, funktioniert wieder perfekt: Der Solex-Vergaser eines 90 PS V6 unter der Haube eines Capri II.

„Vergaser-Manni“ genießt in der Szene einen exzellenten Ruf – obwohl seine Homepage nicht zu den vorderen Treffern der eingangs erwähnten Suche gehört. Im Oktober dieses Jahres wurde er 75 Jahre alt, noch immer werkelt er tagtäglich in seiner Werkstatt. Noch – es wird der Tag kommen, wo er dies nicht mehr kann oder will. Und dann? Geht ein Vermächtnis verloren.

Es stellt eine Art Königsdisziplin in der Automobiltechnik dar. Ein Vergaser ist feinste Mechanik, alles muss auf den hundertstel Millimeter passen. Passt dies nicht, bleibt das edelste Gefährt ein bockiger Esel. Für einen geschmeidigen Lauf kann einer sorgen, der sich mehr als 35 Jahre lang beruflich intensiv mit dem Thema befasste. Der sich bereits in Zeiten, als Vergaser noch produziert wurden, mit deren Instandsetzung auseinandersetzte. Der sie alle kennt, der gut 1.000 alte Vergaser besitzt und Quellen erschloss, die ihm auch das Auftreiben seltenster Ersatzteile ermöglichen.

Manfred Schumacher begann 1971 im Vergaser-Werk Pierburg Solex in Neuss als Maschinenschlosser. Er beschäftigte sich neben der aktuellen Produktion von Beginn an parallel mit defekten Exemplaren.

„Was ich weiß, was ich über die verschiedenen Typen alles im Kopf habe: Wie soll sich das jemand aneignen, der nicht einen vergleichbaren Werdegang in diesem Bereich erlebte? Das kann doch gar nicht funktionieren“, sagt Schumacher. Er sagt dies ohne jeden Anflug von Arroganz oder Überheblichkeit. Eher bedauernd.

Projekt ist nicht umsetzbar

„Ich hatte vor sechs Jahren mal den Entschluss gefasst, zu versuchen, mein Wissen weiterzugeben. Es war mir wie eine Art Verpflichtung, weil ich nicht möchte, dass jemand seinen Oldie nicht mehr fährt, weil er die Problematik mit dem Vergaser nicht gelöst kriegt. Doch das ganze Projekt ist leider gescheitert.“

Vorher und nachher im direkten Vergleich an Ort und Stelle.
Vorher und nachher im direkten Vergleich an Ort und Stelle.

Vorher und nachher im direkten Vergleich an Ort und Stelle.

Mit vielen Fotografien bebildert sollten Bücher entstehen, die mit präzisen Anleitungen das Zerlegen, Instandsetzen, Zusammenbauen und Einstellen mittels aller notwendigen Werte beschreiben. Sogar von Lehrfilmen hat er geträumt. „Ich habe mit BMW begonnen und wollte anschließend die wichtigen Hersteller nach und nach durchgehen. Ich habe allerdings merken müssen, dass ich das nicht gestemmt kriege. Das ist so umfangreich, das sind so viele notwendige Informationen, da wäre ich ja 20 Jahre beschäftigt. So viel Zeit hab´ ich nicht.“

Restauration, nicht Reparatur

Die Schumachersche Enzyklopädie zur Gemischbildung eines Ottomotors bleibt in seinem Kopf. Womit sein Vermächtnis verloren zu gehen droht: „Ich hab´ keine Idee, wie ich das transportieren sollte. Wer soll all diese Informationen dokumentieren und auf welche Weise?“ Die Aufträge stapeln sich, der Paketbote schleppt täglich weitere Restaurationsobjekte ran. „Die Wartezeit beträgt mehrere Monate. Ich mache keine Reparaturen, nur komplette Restaurationen. Die Vergaser werden zunächst komplett zerlegt und im Ultraschallbad gereinigt. Ja nach Notwendigkeit auch mit Glasperlen gestrahlt. Ich ersetze dann sämtliche beweglichen Teile. Schließlich wird der Vergaser noch aufpoliert.“ Gut 1.000 „Schlacht-Objekte“ sind gelagert. Dazu eine riesige, fein säuberlich sortierte Anzahl an Teilen für alle denkbaren Modelle. „Nur Weber mache ich nicht“, schränkt er ein. Teile-Anfragen kann man sich sparen. „Ich gebe grundsätzlich nichts einzeln ab. Lediglich nicht restaurierte Vergaser verkaufe ich ab und an, wenn ich von dem Typ viele habe.“

Diese Investition hat sich gelohnt

Noch keine 60.000 Kilometer hat mein Capri II, V6, 90 PS auf dem Tacho. Dennoch zickte er zuletzt spürbar bei der Gasannahme herum. Luftfilter runter, Außencheck. Die gut 40 Jahre haben Spuren hinterlassen, das Ding ist ordentlich verdreckt. Da kann ich mir schon vorstellen, wie es innen bei Membrane, Düse und Ventil aussieht. Sind mechanische Teile ausgeschlagen? Selbst zerlegen und säubern? Dichtungen suchen? Da ich klar Schreiber und nicht Schrauber bin, nehme ich Kontakt mit „Vergaser-Manni“ auf. „Sie bekommen ihren Solex-Vergaser nach der Restauration als Quasi-Neuteil zurück. Ich nehme die Werkseinstellung vor“, kündigt mir Schumacher an. Vier Monate später – den Vergaser habe ich im November letzten Jahres übergeben – kann ich die kleine Gasfabrik abholen. Wie nicht anders zu erwarten erhalte ich ein blitzblankes Exemplar zurück. 350 Euro sind für die Restauration zu entrichten. Der Vergaser kommt wieder an seinen Platz, außerdem wird das Ventilspiel des Motors korrigiert. Was soll ich sagen? Es ist ein Fest! Der Motor zieht auch aus dem tiefsten Drehzahlkeller heraus wie an der Schnur gezogen. Supersaubere Gasannahme, kombiniert mit dem herrlichen Klang des Sechszylinders. Purer Genuss für alle Sinne!

Nach Vergaser-Restauration und der Optimierung des Ventilspiels fährt und klingt der II-er wie am ersten Tag.

Nach Vergaser-Restauration und der Optimierung des Ventilspiels fährt und klingt der II-er wie am ersten Tag.

Einer wie Manfred Schumacher ist sogar bei der Industrie gefragt. Verschiedene Konzerne betreiben heute Klassiksparten und sind auf der Suche nach Kennern und Könnern der alten Technik. Doch gerade an der Herausforderung Vergaser beißen sie sich zuweilen selbst bei Mercedes, BMW oder Porsche die Zähne aus und wenden sich hilfesuchend an kleine und kleinste Fachbetriebe. „Ich hatte schon zigmal Leute aus Stuttgart am Telefon oder hier auf dem Hocker sitzen. Auch die großen Vereine kennen mich. Für den Mercedes-Benz Veteranen-Club habe ich schon einiges gemacht“, erzählt der Oberhausener.

Wer kann an der Uhr drehen, damit es diesen „Vergaser-Versteher“ noch sehr lange gibt? Niemand kann es, selbstverständlich. Wer also jetzt Bedarf hat, sollte nicht zögern. Mehr Infos und Kontakt im Netz unter www.vergasermanni.de.